Der Zertifikatskurs Yogastudien ist Teil einer deutschlandweit einmaligen Yogainitiative der Abteilung Kultur und Geschichte Indiens und Tibets der Universität Hamburg, die auf wissenschaftlicher Basis Studien- und Weiterbildungsangebote zum Thema Yoga entwickelt. Parallel dazu wurde ein universitärer Wissenschaftsschwerpunkt Yogastudien aufgebaut. Die Universität Hamburg nimmt damit in Deutschland die Vorreiterrolle im Bereich universitärer Yogastudien ein.
Seminarinhalte
Modul 1: Einführung in das Sanskrit
Das erste Kursmodul umfasst eine ausführliche Einführung in das Sanskrit, seine Grundgrammatik, Transliteration und Aussprache. Die Teilnehmenden erlernen die Devanāgarī-Schrift und erhalten einen Einblick in die wichtigsten grammatische Funktionen der Sprache. Gemeinsam werden die wichtigsten Konjugationen und Deklinationen erarbeitet und in der Praxis angewendet.
Das Üben der korrekten Aussprache wichtiger Sanskritbegriffe ist ebenso Teil des Moduls wie eine umfangreiche Darstellung der Sprachgeschichte. Darüber hinaus umfasst dieses Modul die Vermittlung von Hintergrundwissen zu Mantras, Rezitation und Wissensvermittlung sowie erste Übersetzungen aus Originaltexten wie dem Yogasūtra und der Bhagavadgītā.
Modul 2: Geistesgeschichte Indiens
Im zweiten Modul steht die indische Geistesgeschichte im Vordergrund. Beginnend mit der Induskultur, schlägt dieses Modul den Bogen von der indischen Frühzeit über die Zeit des Veda und der Upaniṣaden bis hin zu neuzeitlichen Entwicklungen. Dieses Modul vermittelt Grundkenntnisse der sechs orthodoxen Philosophiesysteme Indiens (Nyāyá, Vaiśeṣika, Sāṃkhya, Yoga, Mīmāṃsā und Vedānta) und ihrer Entstehung genauso wie eine Einführung in die Grundlagen des Buddhismus und Jainismus, die sich aus der Śramaṇa-Bewegung entwickelt haben.
Ebenso behandelt werden Forschungsansätze und -methoden in den Yogastudien und Grundlagen der Religionswissenschaft. Weitere Themen: Emische und etische Standpunkte – innere und äußere Perspektiven, Spiritualität im Neoliberalismus sowie Hinduismus als Erfindung des Kolonialismus (?) und neuzeitlicher Yoga: weiblich, weiß(?).
Modul 3: Yoga in der Bhagavadgītā und im Mahābhārata
Im ersten Teil dieses Moduls werden zuerst die für Yoga relevanten Konzepte in den Epen behandelt. Wichtigster Text hier ist die Bhagavadgītā. In diesem zentralen Teil des Mahābhārata, dem Epos über den Krieg zwischen zwei verfeindeten Familienhälften, instruiert der Gott Kṛṣṇa den verzweifelnden Prinzen Arjuna über grundlegende philosophische Konzepte. Mit der Unsterblichkeit der Seele und Reinkarnation argumentierend ermuntert er ihn z. B., seine Zweifel hinter sich zu lassen und seiner Krieger-Natur zu entsprechen. Er ermuntert ihn zu Karma-Yoga, selbstlosem, erwartungsfreien Handeln, um höchste Verwirklichung zu erlangen. Durch Bhakti, liebevolle Hingabe zum Höchsten, soll er dessen Nähe erreichen. Diese und andere Konzepte werdem im textlichen Kontext beleuchtet. Auch auf für Yoga relevante philosophische Passagen anderswo im Mahābhārata, im Rāmāyaṇa und in den Purāṇas wird eingegangen.
Im zweiten Teil des Moduls wird der Vedānta, der auch in den Epen eine wichtige Rolle spielt, als philosophisches System behandelt. In seinen verschiedenen Ausprägungen ist er die heute dominierende philosophische Schule im Hinduismus, die aber viele Elemente der älteren Schulen übernimmt. Aufbauend vor allem auf Interpretationen der spätvedischen Upaniṣaden beschäftigt der Vedānta sich u. a. mit Fragen des Verhältnisses vom ātman, der individuellen Seele, zum Brahman, der Weltseele. Der Advaita Vedānta und sein wichtigster Vertreter Śaṅkara lehren ihre Einheit, andere Schulen wichen davon ab. Ein sehr wichtiges Konzept ist Māyā, die Illusion der Vielfalt, die durch Avidyā, Unwissenheit entsteht, und durch Vidyā oder Jñāna, Wissen, transzendiert wird. Verschiedene Gleichnisse des Vedānta und auch upaniṣadische Bilder werden in diesem Teil des Moduls im textlichen Zusammenhang behandelt. Auch der Vedānta als Reaktion auf den Buddhismus, und seine Beziehung zu ihm werden thematisiert.
Modul 4: Pātañjala Yoga als philosophisches System
In diesem Modul werden die orthodoxen brahmanischen philosophischen Systeme des Sāṃkhya und des Yoga behandelt, im Hinblick auf ihre Relevanz zum modernen Yoga.
Sāṃkhya (“Aufzählung”), beschäftigt sich mit Kosmologie, entwickelt also eine Vorstellung von der Entstehung der Welt und ihrer Bestandteile. Der Begriff “Aufzählung” bezieht sich auf 25 Tattvas (Faktoren). Deren erste Fünfergruppe besteht aus Puruṣa und Prakṛti mit ihren drei Guṇas Sattva, Rajas und Tamas, und mahat, aham und manas. Die weiteren Fünfergruppen bestehen aus den Sinnes- und Handlungsorganen, den subtilen Elementen (Tanmātras) und groben Elementen (Bhūtas). Diese Konzepte des Sāmkhya sind von enormer Bedeutung für die indische Geistesgeschichte, und speziell auch für den Yoga als philosophischem System.
Dieser wird auch als Seśvara (theistischer) Sāṃkhya bezeichnet. Sein Hauptwerk ist das Pātañjalayogaśāstra (PYŚ), bestehend aus Yogasūtra des Patañjali, und Yogabhāṣya umstrittener Urheberschaft. Es gibt eine Vielzahl von Subkommentaren von u. a. Śaṅkara, Vācaspati Miśra.
Behandelte Konzepte des Pātañjalayoga sind die Definition von Yoga (1.2) als Abwesenheit mentaler Aktivität, ihre Kritik und ihr Verhältnis zu anderen Yoga-Definitionen; die Definition und Rolle von Īśvara (Gott) (1.23-1.29), und im Zusammenhang damit das PYŚ als konfessionsungebundener Text; die aṣṭāv aṅgāni (acht Glieder) des Yoga (2.28-3.3): Yama, Niyama, Āsana, Prāṇāyāma, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi. Im Detail werden davon behandelt die Yamas (2.30-2.39) und Niyamas (2.40-2.45), die ethischen Grundlagen des Yoga: Ahiṃsā (Gewaltverzicht), Satya (wohlwollende Ehrlichkeit), Asteya (Nicht-Stehlen), Brahmacarya (sexuelle Kontrolle) und Aparigraha (Besitzlosigkeit); und Śauca (Reinheit), Saṃtoṣa (Zufriedenheit), Tapas (Askese), Svādhyāya (Studium) und Īśvarapraṇidhāna (Hingabe zu Gott).
Modul 5: Tantra und Hatha
Dieses Modul soll einen Überblick über die panindische Strömung des Tantra geben, die im 10. bis 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ihre Blütezeit erreichte.
Die wesentlichen Merkmale der tantrischen Übungspraxis, insb. des Tantra-Yoga sollen anhand von Quellentexten vorgestellt werden.
Sodann soll die Entstehung des Haṭha-Yoga als Zusammenfluss tantrischer und asketischer Elemente behandelt werden. Das Verhältnis von Tantra und Haṭha sowie die Entwicklungsgeschichte des Hatha Yoga bis in die Neuzeit sollen anhand von Quellentexten in ihrem historischen Umfeld erläutert werden.
Modul 6: Geschichte der Übungspraxis
Es hat nie den einen wahren authentischen Yoga gegeben, sondern es handelt sich beim Yoga von Anfang an um eine Pluralität der Wege.
Deshalb ist es sinnvoll, einmal genau unter die Lupe zu nehmen, was wann, wo, in welchem Kontext von wem und mit welchem Ziel praktiziert wurde? Wie durchlässig oder geschlossen sind die einzelnen Systeme; inwieweit haben sie sich gegenseitig beeinflusst und inwieweit stellt die Art, Yoga zu praktizieren eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen dar?
Dieses letzte Modul des Kurses soll eine Synthese des bisher Behandelten bieten: einen überblickartigen Durchlauf durch die Geschichte des Yoga, aber aus der konkreten Perspektive der Übungspraxis und der historischen Verortung. Ziel ist, die Yogalehrenden und -praktizierenden zu einer genaueren Standortbeschreibung ihrer "living tradition" zu befähigen.
Lehrende
Wissenschaftliche Programmleitung
Prof. Dr. Michael Zimmermann, Numata Zentrum für Buddhismuskunde, Universität Hamburg
Lehrende