"Lerncoaching ist eine Hilfe zum eigenverantwortlichen Lernen!"
Interview mit Prof. Dr. Uwe Hameyer
Wie definieren Sie "Lerncoaching"?
- Lerncoaching unterstützt selbstgesteuerte Lernprozesse in geeigneten Lern- und Beratungssettings durch Methoden wie das Widerspiegeln dessen, was der Coachee gesagt hat (Paraphrasierung), durch assoziative Impulsbilder oder persönliche Skalierungen des eigenen Standortes (z.B. bezüglich Lernfortschritt oder Lernmotivation).
- Ziel ist es, dass ein Lerncoachee sein Anliegen im Lerncoachinggespräch benennt und zu klären versucht.
- Die/der Lerncoachee vergleicht Problemlösungsstrategien, wählt eine geeignete aus und baut diese in ihr/sein Selbstmanagement ein.
- Der Lerncoachingprozess weist damit den Weg in das selbstorganisierte Lernen (Selbstmanagement).
Warum ist Lerncoaching so ein aktuelles Thema?
Wer Schule, berufliche Bildung und manches Unternehmen kennt, weiß: wir haben in diesen Praxisfeldern viel zu wenig Zeit für individuelle Beratung. Ganz aktuell in der Pandemie, sind Menschen, die lernen oder sich weiterbilden, besonders auf sich selbst angewiesen.
Lerncoaching kann sich auf die besondere Lage des Ratsuchenden einstellen. Dabei geht es um die Klärung von Problemen und Ideen sowie die Suche nach Lösungen. Das alles lernt man in unseren Kursen gründlich und durch zahlreiche Trainings. Zugleich ist bekannt:
- Wirksames Lernen wird durch individuelle Beratung, besonders durch Lerncoaching, gefördert.
- Wirksames Lernen braucht keine lange Rennstrecke; Lerncoaching kann schnell erkennen, wo das Problem liegt.
- Lerncoaching ist eine Hilfe zum eigenverantwortlichen Lernen. Eigenverantwortlichkeit ist Ziel aller Schulen und anderer Bildungseinrichtungen. Daher treffen sich die Ziele des Lerncoaching mit diesem allgemeinen Bildungskonsens.
- Jedes Lernen braucht Zeit zum Innehalten. Bin ich auf dem richtigen Pfad oder in einer Sackgasse? Das zu erkennen verlangt Reflexion und klare Sicht.
- Nachhaltiges Lernen braucht Energie beim Sprung über manche Hürde. Lerncoaching klärt, wie diese Energie wieder aufgeladen wird.
- Und es braucht kreative Anlässe zum Um- und Weiterdenken, zum Entwickeln eigener Lernstrategien; das ist ein besonderer Fokus von Lerncoaching nach dem Kieler Modell.
Für Beratung – speziell für Lerncoaching – bilden diese Punkte einen Inhaltsfächer, der in der Schule und Universität immer noch vernachlässigt wird. Mit Lerncoaching arbeiten wir an dieser Qualifizierungslücke.
An wen richtet sich die Weiterbildung „Lerncoaching – Kieler Modell“ der Universität Hamburg?
Die Weiterbildung richtet sich an Lehrende in Schule und anderen Bildungseinrichtungen, an Lehrende aus der Aus- und Weiterbildung, an Beratungsexperten, Fachpersonal aus Kindergarten, Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung, an Leitungsverantwortliche aus Schule, Bildung und Unternehmen, an Schlüsselpersonen aus der Aus-, Fort- und Weiterbildung.
Wie ist das Programm konzipiert?
Das Programm ist systematisch als Blended Learning-Weiterbildung mit Präsenzphasen im Zentrum für Weiterbildung, Zoom-Konferenzen, mit Lernvideoeinheiten sowie organisierten und freien Selbstlernzeiten konzipiert. Inhaltlich geht es um Themen wie lösungsorientiertes Lerncoaching, professionelle Gesprächsführung, Lernen und Emotion, Lernstrategien, Lernblockaden, Selbstwirksamkeit, Mindset und Selbstmotivierung. Die sieben Module erstrecken sich etwa über ein Jahr und bestehen aus folgenden Komponenten:
- aktivierende Lernformate
- fachliche Inputs und Beratung
- Gesprächstrainingsbausteine
- systemisches Denken mit Lösungsfokus
- systemisches Methoden im Blended Learning Format
- Aufgaben für Praxistransfer und Konzeptideen: „transfer challenges
- keine Rollenspiele (!), sondern Übungen an Echtsituationen
- Lernen in Dreierkonstellationen (Triaden)
- Supervision und Feedback
- kurze Zusammenfassungen nach jedem Baustein
- Tutoring bei der wissenschaftlichen Fallstudie
Was zeichnet die Weiterbildung „Lerncoaching“ der Universität Hamburg aus, was unterscheidet sie von anderen Weiterbildungen zum Lerncoaching?
Die Weiterbildung zum systemischen Lerncoach an der Universität Hamburg unterscheidet sich von anderen Programmen dadurch:
- dass wir keine Schnellschüsse versprechen, in wenigen Tagen sei man Lerncoach;
- dass wir ein sehr erfahrenes, professionelles Team zu zweit oder dritt einsetzen. Im Gegensatz zu anderen Anbietern wird kein Modul von nur einer Trainerin bestritten;
- dass die Weiterbildung „Lerncoaching – Kieler Modell“ bundesweit führend ist, auch was die wissenschaftliche und methodische Qualität der Inhalte angeht;
- dass wir in verständlicher Sprache arbeiten, ohne auf Theorie zu verzichten;
- dass wir am internationalen Forschungs- und Wissensstand ansetzen; internationale Qualitätsstandards gewährleisten;
- dass wir beim Schritt in die Selbstständigkeit beraten;
- dass wir ein Universitätszertifikat der Exzellenzuniversität Hamburg vergeben.
Wie ist die Idee entstanden, diese Weiterbildung zu entwickeln?
Seit fast 15 Jahren führen wir in Norddeutschland Lerncoachingkurse mit Zertifikatsabschluss durch: in der Anfangsphase vor allem mit berufsbildenden Schulen und Gymnasien. Diesen Kreis weiten wir mit dem „Lerncoaching – Kieler Modell“ auf andere Berufsfelder aus (nicht-schulische Bildungsanbieter, Weiterbildung und Unternehmen).
Prof. Dr. Waldemar Pallasch und ich entwickelten bundesweit als erste eine Weiterbildung zum Thema Lerncoaching mit universitärem Zertifikatsabschluss. Sie wurde bereits in Kooperation mit verschiedenen Hochschulen in vielen Bundesländern und in der Schweiz durchgeführt. Seit 2018 bieten wir „Lerncoaching – Kieler Modell“ in Kooperation mit dem Zentrum für Weiterbildung der Universität Hamburg an.
Welche Einrichtungen/Unternehmen/Behörden benötigen die Absolventinnen und Absolventen von „Lerncoaching – Kieler Modell“?
Lerncoaches werden so vorbereitet, dass sie ihre erweiterten Kompetenzen und Einsichten nicht nur selbst hilfreich finden, sondern das Lerncoaching in der Praxis umsetzen und in ihrer Organisation kooperativ verankern können. Lerncoaching – Kieler Modell ist für alle Bereiche geeignet:
- Schulen und Bildungsnetzwerke brauchen Lerncoaches.
- Das gilt auch für die Erwachsenenbildung und Universitäten.
- Im Kindergarten ist Lerncoaching besonders mit teils visuellen und spielerischen Methoden möglich.
- Die berufliche Bildung und Begleitung von Auszubildenden in Unternehmen und Ausbildungsstätten sind an Lerncoachings besonders interessiert.
- Lerncoaches können in Kommunikations- und Kulturzentren sowie Netzwerken eingesetzt werden.
- Lerncoaches können sich auch selbstständig machen. Wir bieten dazu die Entwicklung von Konzept- und Businessplänen an.
Was bringt es einem Unternehmen, Mitarbeiter/-innen zu dieser Weiterbildung zu schicken?
Den Unternehmen/Bildungseinrichtungen bringt das vielfache Vorteile mit hohem Kompetenzzuwachs der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ein anderes Bewusstsein für betriebliches Weiterlernen:
- Lerncoaches sind Schlüsselpersonen für die nachhaltige Betreuung von Auszubildenden und Weiterzubildenden;
- Lerncoaching bietet konstruktive Lösungen bei Lernbrüchen bei bestimmten Personen und ausstiegsmotivierten Menschen im Unternehmen;
- durch Lerncoaching kommt der zu Beratende seinen Motivationshürden auf die Schliche und wie er diese überwindet;
- Lerncoaching kann zur Reduktion der Krankheitsrate bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beitragen, die mit gefühltem Stress und einem negativen Selbstbild nicht zurechtkommen und bei denen sich das auf die Gesamtmotivation negativ auswirkt.
Die Lerncoaches brauchen einen klaren Auftrag. Mit diesem und der systemischen Eingebundenheit in das Unternehmen können Lerncoaches zu kreativen Problemlösungen und effektivem Weiterlernen beisteuern.
Welche Rolle können Absolventinnen und Absolventen von „Lerncoaching – Kieler Modell“ in Behörden, Einrichtungen, Unternehmen einnehmen?
Qualifizierte Lerncoaches können klar umrissene, vereinbarte Beratungsaufgaben im Praxisfeld übernehmen, ohne die vorhandenen Beratungsexperten wie Schulberaterinnen und -berater oder Beratungslehrerinnen und -lehrer zu ersetzen. Auch eine Lehrerin oder ein Lehrer kann als qualifizierter Lerncoach nach Grundregeln des Lerncoaching ihre/seine Arbeit bereichern und Lernberatungselemente in die Praxis einbauen, vielfach in vereinbarter Zusammenarbeit mit anderen Kolleginnen und Kollegen.
Manche Schulen bieten ein jahrgangsübergreifendes Lerncoaching an, das besondere Experten des Lerncoaching braucht. Lerncoaches in Unternehmen finden reichlich Arbeit in Bereichen wie Assessment, Übergänge oder Berufsrichtungswechsel und in der Begleitung von Auszubildenden.
In Netzwerken und Instituten können Lerncoaches in Verbindung mit Systemexperten standortübergreifende Programme für Lerncoaching ausarbeiten und anbieten.
Zertifizierte Lerncoaches können sich selbstständig machen, was jedoch immer eine besondere Energie für die Gründung eines Start-ups oder die Mitarbeit in einer freien Institution voraussetzt; anzuraten ist eine Beratung auf dem Weg dorthin.
Wie steigen die Jobchancen nach der Teilnahme an dieser Weiterbildung?
Die Erfahrung zeigt, dass sich mit hochrangigen, universitär abgesicherten Zusatzqualifikationen wie dem systemischen „Lerncoaching – Kieler Modell“ neue Tätigkeitsfelder eröffnen. Diese kommen jedoch nicht automatisch auf die betreffende Person zu. Lerncoaches müssen sich – wie auch andere Experten – am Markt und in den öffentlichen Einrichtungen gut sichtbar und kompetent aufstellen.
Was bringt den Teilnehmenden diese Weiterbildung?
Einhellig ist die Rede von einem sehr hohen Wert für die eigene professionelle Weiterbildung und Qualifizierung. Das ist weniger formal gemeint, als dass die Absolventinnen und Absolventen schon während der Module merken, wie sie mit den Kompetenzen in Lerncoaching neue Zugänge zu den Lernenden finden, viel individueller arbeiten können, Lernende endlich dort verstehen, wo ihre Motivation eingebrochen ist und wie man aus diesem Loch kommt. Von den Lerncoachees kommen hoch positive Einschätzungen „so habe ich endlich wieder zu meinem Lernen gefunden“ oder „ich wusste gar nicht, dass ich mit kreativen Methoden viel besser lernen und vorankommen kann“ oder „ich habe endlich wieder Zuversicht gefunden, dass ich doch was kann“.
Was ist das Besondere an einer Weiterbildung an einer Universität?
Eine universitäre Weiterbildung verbindet Wissenschaft und Praxis, es fließen neueste Forschungsergebnisse ein, die für die Praxis der Teilnehmenden nutzbar gemacht werden. Kennzeichnend ist eine sehr hohe Lehrqualität, die uns bescheinigt wird.
Was ist das Besondere an der Universität Hamburg?
Die Universität Hamburg ist seit 2019 eine von 11 deutschen Exzellenzuniversitäten. Dieser hohe Qualitätsanspruch gilt auch für die Weiterbildung und gibt dem Universitätszertifikat eine besondere Wertigkeit.
Welches Thema halten Sie für besonders wichtig?
In der Weiterbildung halte ich Angebote zum systemischen Denken für alle Berufsfelder für extrem zukunftsrelevant – mit einschlägigen Methoden, wie man kontrastive, vergleichbar starke Lösungen zu ähnlichen oder differenten Problemen findet und dadurch das Richtig-Falsch-Denken endlich überwindet. Die Methoden und Theorien systemischen Denkens sind weit vorangeschritten. In Verbindung mit Ansätzen zur Kreativität können völlig neue Potenziale in Unternehmen und Bildungseinrichtungen aufgebaut werden. Wir beraten dabei.
In welchem Bereich kommen die meisten Neuerungen auf uns zu?
In der Nutzung digitaler Lern- und Kommunikationsmedien, in den Formaten der Beratung von Menschen und Systemen sowie in der effektiven Reduktion von überkomplexen Alltags- und Berufssituationen.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
In meiner Forschung beschäftige ich mich seit gut 30 Jahren mit Organisationsberatung, organisationalem Lernen und dem internationalen Wissen über gelingenswahrscheinliche Innovationsprozesse Ein weiteres Gebiet ist natürlich das systemische Lerncoaching und wie es in diversen Praxisfeldern umgesetzt wird.
(Das Interview führte Magdalene Asbeck, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit am ZFW, am 24.11.2021)